Sprachnormen

Wenn kluge Medizin aus der medizinischen Wissenschaft heraus geboren wurde, kann klügere “smarter medicine” unmöglich wissenschaftlicher als wissenschaftlich sein. Im Gesundheitswesen ist wissenschaftlichere Medizin inexistent und ist ungesetzlich. Ein klassischer Fall von Scharlatanerie.

 Als Scharlatan wird eine Person bezeichnet, die vortäuscht, ein bestimmtes Wissen oder bestimmte Fähigkeiten zu besitzen. Als Scharlatanerie wird die Verhaltensweise beziehungsweise die Schwindelei eines Scharlatans bezeichnet.

Die gesetzlichen Vorgaben Zweckmässigkeit, Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit definieren die Rahmenbedingungen für das Gesundheitswesen (WZW Regel).

Im Kontext dieser Begriffe wurde die Medizin entwickelt und entwickelt sich weiter, einerseits als wissenschaftliches, andererseits als soziales System.  Der Erfolg der Medizin basiert aber auch auf den seit Jahrtausenden  geltenden ethischen Grundsätzen, woraus sich insgesamt das Normative in der Medizin ausgebildet hat. Dies bedeutet unter anderem, dass der Auftrag, zunächst nicht zu schaden “primum nil nocere” Nocebo-Effekte minimisieren soll. Dies bedeutet umgekehrt, dass die Placebo-Effekte der Medizin teil der positiven Zuwendung un der Vermittlung von Zuversicht, Hoffnung und Linderung bzw. Heilung bilden.

Das Funktionieren der Medizin als soziales und wissenschaftliches System kann durch fremden Einfluss irritiert werden, jedoch nicht steuern (Niclas Luhmann). Demnach kann die Medizin durch Einflussnahme fremder Systeme nur ineffizienter werden (zum  Utilitarismus im Gesundheitswesen  hat der Verein Ethik und Medizin Schweiz, VEMS, ein Positionspapier verfasst.

Fremder Einfluss auf die Medizin führt also zu Irritationen. Dieser wird durch den Sprachgebrauch, und gerade dort besonders gut sichtbar, operativ wirksam gemacht. Die Medizin muss nicht mehr dem Individuum angepasst zweckmässig und wirksam sein, sondern auf der gesellschaftlichen Ebene nützlich. Die Nützlichkeit der Medizin ist ihr wesensfremd, da sie nicht entwickelt wurde, der Gesellschaft einen Gesamtnutzen anzubieten. In diesem Kontext wird die Medizin zu einer Abteilung der Ökonomie, welche immer von beschränkten Ressourcen ausgeht.

Die Medizin wird jetzt durch die Gesundheits-Ökonomie als nützlich oder nicht nützlich beurteilt.  Nützlich ist, was genützt hat, nicht mehr, was wirksam und zweckmässig sein könnte. Der Standort der Gesundheits-Ökonomie ist zeitlich der medizinischen Handlung nachgeschaltet und damit der Medizin völlig fremd, da die Medizin a priori handeln und hoffen muss.

Die positive Einstellung der Medizin in Bezug auf die erwartete Wirkung ist ein Grundpfeiler ärztlicher Tätigkeit. Die Gesundheits-Ökonomie bezweifelt die Wirksamkeit der Medizin einfach aus dem Grund heraus, weil sie mitunter nicht wirkt und damit Geld verschwendet, das andernorts besser ausgegeben worden wäre. Sie vermittelt somit eine negative Einstellung gegenüber der Medizin, was wiederum das Vertrauen untergräbt und dem Pessimismus in der Medizin Tür und Tor öffnet.

Durch die Zunahme von fremden Kräften in der Medizin wird der Boden für eine Zerstörung der sozialen Wirkung der Medizin in der Gesellschaft vorbereitet. Die SAMW hat bereits 2007 die Medizin der Gesundheits-Ökonomie zur Disposition gestellt, wenn sie schrieb: ” Eine zusätzliche Schwierigkeit dieser polemischen Definitionen besteht darin, dass im
Rahmen der normativen Diskussion andere Konzepte zu Tage treten, deren Definition leicht kontrovers ist: Dies ist der Fall bei der Definition der Gerechtigkeit, der Berechtigung und selbst beim gesundheitlichen Nutzen sowie der Rolle der Medizin.”

Mit der Einführung des Nutzen-Begriffs in die Medizin als soziales System entfaltet sich der Pessimismus gegenüber der Nützlichkeit der Medizin, welche nun automatisch mit der Zweckmässigkeit verbunden wird.  Dass die Medizin mitunter nicht nützt und teils sogar schadet ist die unausweichliche Nebenwirkung, die jeder Wirkung der Medizin gegenübersteht.

Die SAMW vollzieht nun einen weiteren Schritt, indem das Ziel der Medizin sein soll, keinesfalls zu schaden. Prof. Kind, Präsident des zentralen Ethikrates der SAMW schreibt dies in einem Entwurf zum Sterben in der Schweiz.  Dies bedeutet: anstelle des “primum nihil nocere” führt Prof. Kind das “primum nunquam nocere” ein, er will, dass die Medizin nicht schadet, womit sie auch ihre Wirkung preisgibt, mithin die Abschaffung der Medizin selbst zur Disposition steht.

Damit sind wir bei der Irritation in den Köpfen angelangt. Begreift man die Medizin aus der Sicht der Gesundheits-Ökonomie, gehört die Medizin abgeschafft, da sie schadet.

Vermittlung von Zuversicht, Hoffnung und Linderung bzw. Heilung werden ersetzt durch den Zweifel an der Medizin an sich. Choosing Wisely will im Rahmen der Smarter Medicine Bewegung nichts anderes als den Verzicht der Inanspruchnahme von Medizin im Bedarfsfall. Es wäre demnach weiser,  zuerst mal abzuwarten oder die Medizin komplett zu meiden. Was dabei nicht erwähnt wird: der Ursprung dieser Botschaft liegt bei den angeblich zu hohen Kosten der Medizin.

Smarter Medicine mit der Forderung nach weisem Auswählen sind  Begriffe, welche der Medizin fremd sind. Es gibt folgerichtig auch keine Studien, welche die Wirkung dieser Begriffe in der Medizin prüfen. Es fehlt dazu die ethische Grundlage. Würde man nämlich eine Studie konzipieren, welche eine erwartungsgemäss wirksame und zweckmässige Therapie dem “choosing wisely” Prinzip unterstellen würde, indem z.B. 50% der Probanden die Therapie nicht erhalten würden, müsste jede Ethik-Kommission weltweit diese Studie ablehnen.

Die Propagierung der Neubegriffe Smarter Medicine und Choosing Wisely durch medizinische Fachgesellschaften irritiert das Gefüge der Medizin als wissenschaftliches und soziales System massiv.  Zudem existieren hierfür auch keine gesetzlichen Grundlagen. Die WZW Regel müsste komplett neu geschrieben werden.

Zusammenfassend zeigt die Einführung von Begriffen wie smarter medicine und choosing wisely in die Medizin das Irritations-Potenzial für die Medizin, eine neue Kraft, deren schädliche Wirkung künftige Generationen beurteilen werden. Was hier jedoch hellhörig macht: es sind häufig auch gerade Mediziner selbst, die das medizinische System  komplett ausser Kraft setzen wollen.

Letztlich wird sich die Ärzteschaft aufspalten müssen. In jene, welche sich an die WZW Regeln halten und diese im Alltag auch umsetzen, und in jene, die zunächst mal smarter sind als die anderen und weisere Entschlüsse fassen.

Der nächste sprachliche Schritt ist somit die Schaffung eines Begriffs, welcher sich von smarter medicine abgrenzt und die Normen ihrer Tätigkeit aus dem wissenschaftlichen Diskurs in den sozialen Rahmen einbringt: “normative  medicine”. Damit übernimmt die Medizin als wie bisher sich selber entwickelnde eigenständige Norm die Verantwortung in der Gesellschaft, welche die Kraft die Vermittlung von Zuversicht, Hoffnung und Linderung bzw. Heilung als Norm verinnerlicht.

Die Kraft der “normativen Medizin” ist notwendig. Besonders in einer Gesellschaft, die sich zunehmend nekrophil verhält, angefangen bei der Wertlosigkeit des Kranken bis hin zur Druckerzeugung in Richtung einer Selbsttötung eines entwerteten Lebens im Alter. Gehen die Richtlinien der SAMW nicht in jene Richtung, wo der Umgang mit Sterben und Tod ausgeweitet wird auf jenen Aspekt der  Lebensunlust, wo diese also genügt, um den Suizid zu rechtfertigen?

Damit zeigt sich: die normative Medizin vermittelt gesellschaftlich Kräfte, welche ihren sozialen Zusammenhalt verbessern. Choosing wisely und smarter medicine tun dies nicht. Smarter medicine ist eine dyssoziale Bewegung und für den Zusammenhalt der Gesellschaft gefährlich.